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Wie überlebt man Weihnachten?

von Ingo Nöhr

Remake von Dezember 2012

Weihnachten mit seinen besinnlichen Tagen danach steht vor der Tür. Jupp und ich haben unsere Leser nun seit Monaten mit den juristischen Diskussionen über das Medizin­produkterecht malträtiert. Mit der Zeit haben wir uns einem grundsätzlicheren Thema ange­nähert, dem Qualitätsmanagement. Auch da werden wir voraussichtlich nicht stehen bleiben, denn böse Zungen behaupten ja, dass auf das Qualitätsmanagement das Risiko­management folgt, weil man die Qualität nicht einhalten kann und schlussendlich das Krisenmanagement gefragt ist, weil man die Risiken nicht beherrschen kann.

Folgen Sie uns also weiterhin auf dem Weg zum Qualitäts-Risiko-Krisenmanagement und staunen Sie mit mir über Jupps unübertroffene Art, diese Prinzipien auch im Alltagsleben anzuwenden. Zunächst müssen wir aber ein aktuelles Risikoproblem aufarbeiten, generell bekannt unter dem Stichwort „Weihnachten“.

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Jupp war wieder mal in Fahrt. Ich traf ihn vollgepackt mit Geschenkpaketen vor seiner Haustür. Ein blaues Veilchen prangte auf seinem linken Auge. „Hallo, Jupp, was ist passiert? Warst du boxen?“ – „So ungefähr. Weihnachtseinkäufe. Im Jupiter-Supermarkt. Sonder­angebote. Solange der Vorrat reicht. Kampf um die letzten Exemplare. Ich habe aber gewonnen“ stieß er unter dem Paketstapel hervor.

Ich half ihm beim Hineintragen und wir setzten uns erstmal und tranken einen kräftigen Kaffee. „Bist du nicht etwas früh dran mit dem Einkaufen? Es ist doch noch gar nicht Heiligabend“ stichelte ich eingedenk meiner Erfahrungen im letzten Jahr.

Aber Jupp ließ sich nicht provozieren und meinte grinsend: „Diesmal nicht. Wir verreisen nächste Woche. Auf die Kanaren. Weit weg vom deutschen Weihnachten. Zurück sind wir erst im neuen Jahr.“ – „Aha, du bist also den Weihnachtsrummel leid. Da wirst du ja viele deutsche Leidensgenossen treffen.“

Jupp war auch diesmal für eine Überraschung gut: „Nein, nicht deswegen. Aus Sicherheitsgründen. Meine Risikoanalyse hat gezeigt, dass dieser Zeitraum ein Hochrisiko darstellt, was nicht akzeptabel ist.“

Das hörte sich wieder interessant an. Jetzt verstand ich auch, warum sich Jupp vor kurzem meine Norm ISO 31000 – Risiko Management – Grundsätze und Leitlinien ausgeliehen hat. „Jupp, erkläre mir doch mal, warum Weihnachten für dich ein inakzeptables Risiko darstellt!“

Das ließ sich Jupp nicht zweimal sagen: „Liest du denn gar keine Zeitung? Schau doch nur mal die Warnmeldungen der letzten Tage? Stiftung Warentest hat in allen getesteten Kinder-Adventskalendern Rückstände von schädlichen Mineralölen und ähnlicher Stoffe gefunden, teilweise krebserregend.“

„Das ist ja interessant. Bei den gegenwärtigen Benzinpreisen solltest du mal prüfen, ob es sich nicht lohnt, das Öl aus den zurückgerufenen Kalendern zu extrahieren. Dann kannst du sagen: mein Auto verbraucht nur 12 Kalender auf 100 Kilometer.“

Jupp fand das nicht lustig. „Dann hier, TÜV Rheinland: Von 52 geprüften Weihnachts-Lichter­ketten erfüllen 38 Produkte noch nicht einmal die Mindestanforderungen der europäischen Norm. Bei jeder fünften Kette besteht akute Stromschlag- oder Verbrennungs­gefahr.“

„Ja, das habe ich gelesen. Eine Lichterkette ist sogar 240° Celsius heiß geworden. Da kann man sogar die Heizung herunterfahren, das spart Energiekosten. Und die Mängelquoten sind ja schon von 100% in den Vorjahren auf 70% gesunken, da ist ja schon eine Verbesserung am Horizont zu erkennen.“ – Ich sehe halt immer auch den positiven Aspekt an solchen Horrormeldungen. Aber Jupp ist nicht beeindruckt.

„Was meinst du, was in den nächsten Wochen hier los sein wird, wenn überall die Advents­kränze abfackeln und die Wohnung gleich mit. Ich habe meiner Frau gesagt, der Advents­kranz wird nur unter der Dusche aufgestellt - oder gar nicht. Gab es natürlich gleich Gemaule.

Aber da habe ich zu meiner Patentlösung gegriffen und in Youtube ein Filmchen von einem schön geschmückten Adventskranz mit brennenden Kerzen heruntergeladen. Das läuft nun non-stop auf unserem Fernseher. Der gleiche Effekt wie mit dem TV-Kamin­feuer, kostet nichts und die Gefährdung ist gleich null!“

Da ich gerade nicht auf die Statistik zurückgreifen konnte, wieviel dauerbetriebene Fernseher explodieren, hielt ich mich vorsichtshalber zurück. Jupp war noch nicht fertig mit seiner Risikoermittlung. Nun kam er auf sein blaues Auge zu sprechen.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, was in den Geschäften los ist. Panikkäufe wie bei einem bevorstehenden Hurrikan. Und der Verkehr erst. Die Leute fahren wie besinnungslos durch den dichten Verkehr. Von den Radfahrern und Fußgängern ganz zu schweigen. Denken nur an ihre stressigen Einkäufe. Ich habe daher die normale Unfallwahrscheinlichkeit für den Monat Dezember mit dem Faktor drei multipliziert.

Vermutlich immer noch zu wenig, denk mal an die Eis- und Schneeverhältnisse. Bei uns wird gar nicht mehr gestreut. Kein Geld mehr da. Entweder brichst du dir ein Bein oder einen Arm oder du fährst dein Auto in den Graben. Extrem hohes Unfallrisiko!

Und Silvester? Explosionsstoffe in der Hand von Kindern und Betrunkenen. Unverant­wort­lich! Häuser und Autos geraten in Brand, Tiere geraten in Panik, Hände werden abgerissen, Besoffene grölen dich an oder demolieren dein Auto, die Luft wird extrem verpestet. Nee, muß ich nicht haben. 

Dann schau dir nur mein blaues Auge an. Letztes Jahr um die gleiche Zeit habe ich beim Einkauf eine Rippenprellung erlitten. Daher kaufe ich jetzt so früh wie möglich ein. Risikomanagement, meiner Lieber!“

„Ja, aber wofür kaufst du Geschenke, wenn du gar nicht hier bist? Willst du die alle mitnehmen auf deine Insel?“ – „Nein, natürlich nicht. Die sind für meine Schwiegermutter, meine Neffen und Nichten, die mich alle zu Weihnachten besuchen wollen. Die konnte ich einfach nicht davon abbringen und sie bestehen auf ihre Bescherung.

Dahinter verbirgt sich natürlich ein weiteres Risiko. Man darf die Depressionsrate wegen Vereinsamung über die Feiertage nicht unterschätzen. Schau dir nur mal die Selbstmord­ziffern zur Weihnachtszeit an. Absolut inakzeptabel.“

Jetzt war ich etwas verwirrt. Wie will Jupp denn die Frustration seiner missliebigen Besucher vermeiden, wenn er nicht da ist?

„Amigo, du musst mit der Zeit gehen. Moderne Informationstechnologie. Über eine App habe ich die Haustürklingel und die dort angebrachte Videokamera mit meinem Smartphone verbunden. Wenn die Bagage vor der Tür steht, kann ich per Fernbedienung meine Haustür öffnen. Dann brauchen sie nur den Schildern zu folgen, bis sie in meinem Wohnzimmer stehen.

Vor meinem Computer habe ich die Geschenke aufgebaut. Per Skype-Video schalte ich mich dazu und wünsche allen ein frohes Weihnachtsfest und schöne Bescherung. Gebäck und Getränke stehen auf dem Tisch. Auf den Gänsebraten muss diesmal wegen akuter Salmonellengefahr verzichtet werden. Ist sowieso besser bei den hohen Cholesterin­werten meiner Schwiegermutter.

Genial, was? Die kriegen ihre Bescherung. Und ich meine Ruhe. Und absolut sicher, Risiko auf Minimum reduziert. Dank Risikomanagement. Solltest du auch mal machen.“

„Jupp, sag mal, was macht denn deine Frau in dieser Zeit?“ – „Die mag nicht fliegen. Ist ihr zu gefährlich. Sie fährt lieber mit der Bahn mit ihrer Freundin zu einer Wellness-Farm im Allgäu. Hab ich ihr als Ausgleich zu Weihnachten geschenkt. So sind wir beide zufrieden. Dabei ist Fliegen doch dreimal sicherer als Bahnfahren. 9 Verkehrstote bei der Bahn gegenüber 3 Verkehrstote pro 10 Milliarden Passagier-Kilometer im Flugzeug.“

Hm, ich hatte eine andere Statistik im Kopf. Demnach ist der Flugverkehr dreimal so tödlich wie der Bahnverkehr. Wenn man nämlich die Passagier-Stunden betrachtet, findet man 70 Bahntote gegenüber 240 Verkehrstote pro 1 Milliarde Passagier-Stunden im Flugzeug.

Aber ich finde, das Risiko des Reisens ist vergleichsweise gering gegenüber der Wahr­schein­­lichkeit von 99%, in einem Bett zu sterben. Das passiert alle paar Sekunden und keiner regt sich darüber auf. Jeden Augenblick besteigen Millionen von Menschen ungerührt erneut ihr Bett und begeben sich dadurch in Lebensgefahr.

In diesem Sinne – feiern und schlafen Sie gut und achten Sie auf sich in den nächsten Wochen. Im Januar melden wir uns wieder bei den Überlebenden.

 

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