Über Politiker, Manager und (andere) Psychopathen

01.08.2018 09:00 von Ingo Nöhr

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Ingo Nöhr und sein Kumpel Jupp blicken in der Politik auf einen ereignisreichen Monat zurück. Ein einzelner Staatsmann lehrte den Europäern und der NATO das Fürchten, verstörte die englische Premierministerin sowie die Queen mit seinem Benehmen und fand in Helsinki zum Entsetzen seiner Landsleute einen neuen großartigen Freund – einen „lupenreinen Demokrat“ wie Gerhard Schröder schon einmal feststellte. Ein deutscher Heimatminister provozierte einen ordentlichen Ehekrach zwischen zwei Schwesterparteien und das Problem der Flüchtlingsströme bleibt weiterhin ungelöst. Nach den Bankern geht es nun auch den Managern in der Autoindustrie an den Kragen, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen den Kunden nicht ausreichend ernst genommen haben. Aber immerhin, schon 73% der Amerikaner haben aus eigener Erfahrung erkannt, dass die globale Erwärmung doch keine Erfindung der chinesischen Propaganda ist.

Stoff genug also für unsere schweißgebadeten Krankenhausstrategen, sich beim monatlichen Talk in der Eckkneipe wieder einmal Gedanken über den Zustand der Welt zu machen.

Hallo Ingo, erklär mir mal, was mit der psychischen Gesundheit unserer heutigen Gesellschaft los ist. Wo du hinschaust, sind an den Schalthebeln der Macht Psychopathen zugange. Kim Jong-Un, Recep Erdogan, Wladimir Putin und mittendrin immer Donald Trump, der als GröPaZ schon mit dem Friedensnobelpreis rechnet. Und alle haben eine millionenstarke Fangemeinde, die ihnen jeglichen Blödsinn verzeiht.

  • Ja Jupp, das frustrierte Volk wünscht sich offenkundig einen starken Mann an der Spitze, einen, der mit harter Hand im politischen Laden aufräumt und mit klaren Worte einfache Wahrheiten verkündet. Marshall Jong-Un, Sultan Erdogan, Zar Putin. Unser Horst Seehofer hat sich auch schon als Tiger warmge­laufen, ist allerdings grandios als Bettvorleger  gescheitert. Wichtigtuer erzeugen Wirbel, aber keine Strömung.

Ingo, ich bin mir bei Trump nicht so sicher, was die Strömung anbetrifft. Er hat durch seine Twitterpolitik in einem Jahr soviel in der Welt verändert, wie kaum einer zuvor. Klimawandel, Globale Märkte, NATO, Gewaltenteilung, Verfassungsgrundsätze, alles stellt er in Frage. – Amerika first. Und die restliche Welt schaut ratlos zu, wie ein geschocktes Kaninchen auf die angreifende Schlange.

  • Es ist doch das uralte, aber erfolgreiche Lied: das Volk ist von Feinden umzingelt.  Trump braucht immer wieder ein neues Feindbild, an dem er sich abarbeiten kann: Barack Obama, Hillary Clinton, dann Mexiko, Nordkorea, Deutschland, Europa. Aber auch die Presse mit ihren permanenten Fake-News und natürlich die naiven Gutmenschen, die seinen Gefolgsleuten die überlebenswichtigen Schusswaffen wegnehmen wollen.

Die vorgeschobene Feindschaft erlischt in der Sekunde, wenn Trump als Leitwolf anerkannt wird, so von Kim Jong-Un, Putin, Jean-Claude Juncker. Sie müssen nur einen „Deal“ mit ihm aushandeln und ihn somit ernstnehmen. 

  • Jupp, man muss den großartigen „Dealmaker“ nur auf Augenhöhe begegnen. So hat es der EU-Juncker genau richtig gemacht. Er kopierte die alte NATO-Doktrin von der "flexible response" – so haust du mich, hau ich dich genauso. Die EU nutzt die Zollwaffe als variable Gegenantwort auf die Attacken von Trump und ist sehr wirksam, da sie sich empfindlich auf seine Stammwähler konzentriert.

Nur Erdogan erweist sich als harter Brocken. Er ist ebenfalls ein Alphatier und lässt sich von Trump nicht herumschubsen. Den stärksten Widersacher hat er aber vor seiner Haustür sitzen, Ingo. Wer sich überhaupt nicht von seinem Protzerei und Gefluche beeindrucken lässt, ist der Sonderermittler Robert Mueller. Den würde er am liebsten sofort abschießen, aber leider funktioniert in den USA noch die Gewaltenteilung. Aber Trump plant ja für den Krisenfall, dass er sich selbst und seine kriminellen Kumpane per Dekret einfach begnadigen kann.

  • Die Geschichte wiederholt sich, Jupp. In wenigen Wochen jährt sich zum 45. Mal das sogenannte Saturday Night Massacre vom 20. Oktober 1973. Trump wäre gut beraten, wenn er sich mal die Vorgänge um den Watergate-Skandal genauer anschauen würde. Sie führten zum Rücktritt des US-Präsidenten Richard Nixon, nachdem er zur Vertuschung seines Einbruchbefehls in die Parteizentrale der Demokraten zunächst an einem Samstag seinen Justizminister, dann den nachfolgenden Vize-Justizminister und schließlich den Sonderermittler Archibald Cox gefeuert hatte, weil sie die Ermittlungen nicht einstellen wollten. Auch hier spielten brisante Tonbandaufzeichnungen in der Kommunikation mit dem Weißen Haus eine entscheidende Rolle. Wenige Wochen später nach Nixons Rücktritt amnestierte ihn sein Nachfolger Gerald Ford und begnadigte ihn für alle Straftaten während seiner Präsidentschaft.

Aber warum bekommen diese Psychopathen immer mehr Oberwasser, Ingo? 2017 bescheinigten 27 US-Psychiater ihrem Präsidenten per Ferngutachten krankhaften Narzissmus, zwanghafte Paranoika und generelle Amtsunfähigkeit. Trump verwies dagegen auf ein „großartiges“ Gesundheitsgutachten seines Hausarztes Harald Bronstein. Der verriet aber anschließend der Presse, dass Trump ihm den Text innerhalb von fünf Minuten diktiert hatte. Daraufhin bescheinigte der persönliche Amtsarzt Ronny Jackson dem 71-jährigen ebenfalls eine exzellente körperliche und geistige Verfassung, sogar mit "außergewöhnlichen Genen". Zum Dank wurde er von ihm zum Konteradmiral befördert und sollte Veteranenminister werden, welches sein exzessiver Alkoholkonsum leider verhinderte.

  • Vielleicht hatte der Doc recht, Jupp, und es liegt wirklich an den „außergewöhnlichen Genen“ von Trump. Wissenschaftler haben bei einem Experiment das Oxytocin-Gen bei Mäusen abgeschaltet. Diese sogenannten Knockout-Mäuse litten dann unter sozialer Amnesie. Ohne Erinnerungen an ihre Mitmäuse konnten sie keine normalen Beziehungen eingehen. Sie interessierten sich nur noch für Fressen, Schlafen und Sex. Übrigens gab es für diese Entdeckung 2007 den Medizin-Nobelpreis.

Ingo, das wäre doch eine Lösung. Man setzt die Staatsmänner auf eine Zwangsdiät. Möglicherweise könnte die generelle Zusatzgabe von Oxytocin an betroffene Politiker schlagartig die Weltpolitik zum Guten ändern.

  • Mag sein, Jupp, aber du musst diese Maßnahme noch auf große Volksgruppen erweitern. Schweizer Psychiater zeigten 2011 in einer Studie, dass Psychopathen bei den Managern mit etwa 20% überdurchschnittlich häufig zu finden sind. Schwache Aufsichtsräte oder Bonussysteme, die überwiegend an kurzfristigen Zielen ausgerichtet sind und so extrem riskante Entscheidungen belohnen, verstärken noch ihre Wirkung. AEG, Grundig, Quelle, Deutsche Bank, Daimler, VW, aber auch politische Parteien können davon ein betrübliches Lied singen. Wie sagte schon Friedrich Nietzsche: „Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“

Da musst du unbedingt das Buch „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ von Martin Wehrle lesen. Als Karriereberater beschreibt er den Irrsinn in deutschen Unternehmen und wie narzisstische Chefs oder psychopathische Manager gestandene Firmen ruinieren können.

  • Dabei sind die Psychopathen doch leicht zu identifizieren. Der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare hat schon 1991 eine Psychopathen-Checkliste entwickelt, die die wichtigsten zwanzig Symptome aufzeigt. Die meisten davon passen exakt auf Donald Trump. Ich zitiere mal:
    1. Blender mit oberflächlichem Charme. Psychopathen haben die Tendenz, raffiniert und einnehmend zu sein. Das hilft ihnen, bestimmte Positionen zu erlangen – macht sie aber auch zu unangenehmen Gesprächspartnern.
    2. Übersteigerter Selbstwert. Psychopathen können äußerst arrogant und eingebildet sein, da sie ihre eigenen Fähigkeiten maßlos überschätzen.
    4. Pathologisches Lügen. Psychopathen sind oft krankhafte Lügner, die ihre Mitmenschen ohne Skrupel in die Irre führen.
    6. Fehlen von Reue und Scham. Unbarmherzig sind Psychopathen blind für die Bedürfnisse anderer. Für ihre Opfer zeigen sie oft nur Verachtung.
    8. Mangel an Mitgefühl. Psychopathen sind kalte Menschen, die kein Einfühlungsvermögen zeigen.
    10. Schlechte Verhaltenskontrolle. Psychopathen haben ihre Wut und ihre Aggression nur schwer unter Kontrolle.
    11. Promiskuität. Psychopathen haben häufig wechselnde Partner, zahlreiche Affären und versuchen häufig, andere zu sexuellen Handlungen zu zwingen.
    13. Fehlen von Zielen und Plänen. Langfristig planen können Psychopathen eher nicht, sie laufen auffällig ziellos durchs Leben.
    14. Impulsivität. Psychopathen denken nicht an die Folgen ihrer Handlungen, sie sind launisch und unberechenbar und können kurzfristigem Verlangen schlecht widerstehen.
    15. Ablehnung von Absprachen. Verabredungen einzuhalten fällt Psychopathen schwer, sie versäumen es auch oft, Rechnungen zu bezahlen und Verträge zu befolgen.
    17. Keine langen Beziehungen. Bindungen sind Psychopathen suspekt, sie wechseln häufig ihre Bezugspersonen. Langzeitbeziehungen sind ihnen nicht wichtig.

Und so ein kranker Mensch hat jeden Tag den Finger auf dem Atombombenknopf. Dazu passt auch folgende Meldung: Ausgelöst durch die Trumpschen Eskapaden gab am 25. Januar 2018 ein Gremium aus Wissenschaftlern bekannt, darunter 17 Nobelpreisträger, dass die Weltuntergangsuhr auf 2 Minuten vor 12 vorgerückt wird. Diesen Wert gab es seit 60 Jahren nicht mehr.

  • Mit solchen Leuten schlagen sich jeden Morgen Millionen von Arbeitnehmern im Büroalltag herum. Die Ursachen liegen noch tiefer, Jupp. Richard Conniff zeigt in seinem Buch „Was für ein Affentheater“ auf, wie sich Hackordnung, Imponiergehabe und Wadenbeißertum auf unsere animalischen Verhaltensmuster zurückführen lassen. Oft bestimmt unser tierisches Erbe unser Verhalten im täglichen Leben und leider auch der Politik. Neben dem Einfluss des Narzissmus dürfen wir aber auch die Dummheit nicht vergessen. David Dunning publizierte 1999 mit Justin Kruger den Dunning-Kruger-Effekt. Inkompetente Menschen überschätzen systematisch das eigene Können, verkennen die überlegenen Fähigkeiten anderer und sehen nicht das Ausmaß ihrer eigenen Dummheit. Schon Albert Einstein verzweifelte: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Intelligenz lässt einen manchmal im Stich – Dummheit nie.

Wo Führung fehlt, übernehmen Bürokraten die Lenkung. Da sind wir Deutschen mit unserer Regelungswut doch schon lange Weltmeister. Wo bleibt denn jetzt dein Optimismus, mein lieber Ingo? Angesichts des desolaten Zustandes in unserer Welt musst du doch auch langsam verzweifeln.

  • Ach Jupp. Ich glaube an das Pendelprinzip der Geschichte. Nach jeder Phase folgt eine Gegenreaktion mit extremen Ausschlägen, wie bei einem Pendel. Bald werden die Menschen merken, dass sie sich mit ihrer Rücksichtslosigkeit auf allen Gebieten nur selbst schaden. Und wir finden doch überall positive Beispiele vor. Nimm unseren Wirt. Er ist nicht dumm, selbstherrlich, rücksichtslos, sondern kümmert sich aufopfernd um unser leibliches Wohl.

Da hast du wieder mal recht, Ingo. Besinnen wir uns auf die positiven Werte. Herr Wirt, bringen Sie bitte zwei Bier in unsere Oase der Harmonie.

 

Nicht Tatsachen, sondern Meinungen über Tatsachen bestimmen das Zusammenleben.
Epiktetos (50 – 138), griechischer Stoiker und Philosoph

Wer sich selbst belügt und an seine eigene Lüge glaubt, der kann zuletzt keine Wahrheit mehr unterscheiden, weder in sich noch um sich herum; er achtet schließlich weder sich selbst noch andere. … Er sinkt unweigerlich auf die Stufe des Viehs hinab, und all das, weil er sich und die Menschen unaufhörlich belogen hat.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) aus "Die Brüder Karamasow"

 

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