Früher war alles (besser) anders!

01.11.2018 09:00 von Ingo Nöhr

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Ingo Nöhr und sein Kumpel Jupp werden seit Wochen mit Meldungen überschüttet, dass etwas so noch nie vorher passiert sei: die Hitzewelle, die lange Dürreperiode, der Aufstand in der CDU bei der Fraktionssitzwahl, der Kashoggi-Mord in der Istanbuler Botschaft von Saudi-Arabien, die Fahrverbote für Dieselautos. Der Höhepunkt war aber sicherlich der Absturz der großen Parteien bei den Wahlen in Bayern und Hessen und der Rücktritt von Angela Merkel vom Parteivorsitz. Sollten dies schon die von Ingo angekündigten Anzeichen des großen Wandels sein?

Mensch Ingo, du hattest letzten Monat recht. Die Ohnmächtigen wollen ihren sogenannten Volksparteien nicht mehr folgen. Die doppelte Ohrfeige von Bayern und Hessen hat unsere hochgeliebte Angela einfach weggefegt. Helle Panik bei CDU, CSU und SPD. Jetzt sollen ganz schnell Neujustierungen und Nachbesserungen erfolgen, ein neuer Fahrplan muss her.

  • Ja, Jupp, erstaunlich, wie schnell so etwas gehen kann. Die Zukunft ist meistens schon da, bevor wir damit rechnen. Der Zusammenbruch der DDR 1989 hat es ja gezeigt. Wenn Macht erst einmal zu bröckeln beginnt - der Mächtige war gestern noch unangreifbar, heute verwundbar und morgen schon sitzt eine andere Person auf seinem Posten. Aber nur mit einem neuen Fahrplan kann man die seit Jahrzehnten verschleppten Probleme nicht lösen. Die alternde Truppe in den Regierungen kommt mir vor wie ein pensionsreifer Busfahrer, der mit seinem dreißig Jahre alten Gefährt nun die Jugend bei Volksmusik zum Open-Air-Festival kutschieren will, weil die Omas für seine Kaffeefahrten langsam ausbleiben. Jetzt müssen die Jungen ran an die Macht. Aber bei der grassierenden Parteiverdrossenheit dürfte es schmerzlich an geeignetem Nachwuchs fehlen. Die alten Politseilschaften haben meistens nur Angepasste aufsteigen lassen und etwaige dynamische Störenfriede vorher rausgefiltert.

Nun ja, Ingo, es laufen sich ja schon etliche Nachfolger für den Parteivorsitz in der CDU und damit wohl für die nächste Kanzlerschaft warm. Angela will ja unbedingt ihre Freundin Annegret Kramp-Karrenbauer durchbringen, dann könnte sie im Hintergrund schön weitermachen. Aber wenn das mal nicht so abläuft wie beim Volker Kauder bei der Wahl um den Fraktionsvorsitz. Plötzlich ist der absolute Favorit nach 13 Jahren Dienst weg vom Fenster.

  • Die wettbegeisterten Briten haben gerade ihre Quoten für die nächste Kanzlerschaft veröffentlicht: AKK führt mit 1 zu 2. Dann folgt schon Friedrich Merz mit 1 zu 5 und Jens Spahn mit 1 zu 10. Bei der SPD bringt Andrea Nahles eine Quote von 1 zu 16 und der NRW Ministerpräsident Armin Laschet nur noch 1 zu 20. Mit einem Pfund Wetteinsatz kannst du bei ihm dann zwanzigfachen Gewinn mit nach Hause nehmen.

Also Ingo, das wird Angela überhaupt nicht gefallen. Der Merz und der Spahn sind ihre stärksten Rivalen und sie würden ihre Aktionen im Hintergrund sofort stilllegen. Aber betrachte mal einen anderen Effekt: wie sollen AfD und FDP nach Merkels Abschied jetzt reagieren? Sie verlieren ihre liebste Gegnerin. Schließlich war Angela für alle Missstände der vergangenen Jahre verantwortlich. Jetzt kommt denen die Hauptschuldige abhanden. Wie soll man in der total veränderten politischen Landschaft so schnell einen neuen Sündenbock finden, auf den man wieder seine Wut abladen kann?

  • Da finden sich in der einschlägigen Presse sofort geeignete Nachfolger aus der zweiten Reihe: Donald Trump, die Russen, die Chinesen, neuerdings die Italiener. Jetzt hat es den achso modernen Kronprinzen Saudi Arabiens erwischt. Wie kann man nur so selten dämlich sein, seinen Kritiker Kashoggi ausgerechnet beim Feind Erdogan in Istanbul ermorden zu lassen. Alles vom türkischen Geheimdienst in Bild und Ton bestens dokumentiert. Jetzt hat Trump ein großes Problem, seinen wichtigsten Waffenkunden und privaten Sponsor nicht zu verärgern.  

Ich glaube, Ingo, Trumps Sorgen werden dadurch gemindert, dass er immer mehr Freunde in der Welt findet. Die Brasilianer haben gerade einen noch radikaleren Gesinnungsgenossen zum Präsidenten gewählt. Der will jetzt auch den Waffenverkauf freigeben, den Einfluss Chinas blockieren, aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen – und die Botschaft in Israel nach Jerusalem verlegen. Trump hat ihm begeistert gratuliert. Schau dir die Pressefreiheit in Ungarn, Polen, Slowakei, Rumänien, Bulgarien oder der Türkei an. Trump feierte öffentlich einen gewaltsamen Angriff auf einen Journalisten durch einen Kongressabgeordneten aus Montana: „News Media – truly bad people.“ Die Demokratie ist weltweit auf den Rückzug.

  • Du meinst also, früher war alles besser? „Nichts ist so sehr für die gute alte Zeit verantwortlich wie das schlechte Gedächtnis“ sagt Anatole France. Daher kann dir der neue Bestseller-Autor Steven Pinker widersprechen, Jupp. In seinem Buch „Aufklärung jetzt – für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“ belegt er mit vielen Statistiken, wie sich der Zustand der Welt in fast allen Bereichen stetig verbessert hat. Beim Fall der Berliner Mauer zählte er 52 Demokratien, im Jahre 2015 waren es 105 in der Welt. Demokratie ist also eher ansteckend.

Na gut, Ingo. Aber der Politologe Francis Fukuyama hatte doch nicht recht, als er 1989 in einem Buch behauptete, die liberale Demokratie repräsentiere „das Ende der Geschichte“. Da kannte er die Geisel des Terrorismus noch nicht. Damals hatten wir noch ruhigere Zeiten.

  • Wieder falsch, sagt Pinker: alles Einbildung. Denn Terrorismus sorgt durch die globale Medienpräsenz zwar für einen großen Schrecken, aber richtet nur einen kleinen Schaden an. Die Hysterie in den USA ist besonders bezeichnend. 2015 wurden 44 Menschen durch Terrorismus getötet, aber im gleichen Jahr gab es 15.696 Mordopfer und 35.398 Verkehrstote. In Westeuropa, 2015 durch Terroranschläge besonders gebeutelt, war die Wahrscheinlichkeit, bei einem Unglücksfall tödlich verletzt zu werden, siebenhundertmal höher als bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen. In Deutschland wurden seit 2014 insgesamt 25 Terrortote beklagt. Im Gegensatz dazu: heute sterben mehr als zehnmal soviel an den Folgen des Rauchens – täglich! Allein letztes Jahr tötete die Zigarette 121.000 Deutsche!

Okay, Ingo. Ich gebe mich geschlagen. Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben. Wahrscheinlich hat Ernest Hemingway recht, wenn er feststellt: „Das Merkwürdige an der Zukunft ist wohl die Vorstellung, dass man unsere Zeit einmal die gute alte Zeit nennen wird.“

  • Dein Pessimismus, Jupp, rührt wohl daher, dass du immer nur siehst, was noch zu tun bleibt, ohne zu merken, was schon getan wurde. Später wirst du dir sagen müssen: „Was für ein herrliches Leben hatte ich! Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt.“

Ich widerspreche dir, Ingo und halte es mit meinem geliebten Peter Ustinov: „Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.“ Wie sieht denn dein Optimist Pinker die Zukunft?

  • Er ist in erster Linie Realist, indem er zunächst rein objektiv die nackten Zahlen betrachtet: „Heute ist die Welt etwa hundertmal wohlhabender als vor zweihundert Jahren. Der Wohlstand verteilt sich immer gleichmäßiger auf die Länder und Menschen der Welt. Der Anteil der Menschheit, der in extremer Armut lebt, ist von fast 90% auf unter 10% gesunken. Die Lebenserwartung ist, weltweit gemittelt, von 30 auf 71 Jahre gestiegen. In dem Maße, in dem die Menschen gesünder, reicher, sicherer und freier werden, lernen sie zunehmend lesen und schreiben, erwerben mehr Wissen und werden klüger. 

Ach Ingo, das ist doch eine ziemlich einseitige Statistik. Pinker sieht immer das halbvolle Glas. Ich sehe dagegen das Glas schon halbleer. Wir vergeuden unsere natürlichen Ressourcen, als hätten wir noch weitere Erden in Reserve. Wir wissen nicht, wie wir den Klimawandel noch stoppen sollen. Psychopathen sitzen an kritischen Schalthebeln der Macht. Popularisten gewinnen reihenweise die Wahlen. Auf der Welt wüten gerade ein Dutzend Kriege. Wir schauen bei Völkermorden zu und liefern oft noch die Waffen dafür. Wir sind doch dem Untergang geweiht.

  • Der weise Albert Einstein hat mal gesagt: „Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.“ Du machst nämlich einen typischen Denkfehler, wenn du einfach in die Zukunft extrapolierst. Jupp: du stierst verzweifelt auf dein sich leerendes Glas. Gib dir doch mal einen gedanklichen Ruck, verwirf das Glas und nimm ein neues Gefäß. Steven Pinker will gegen die „Negativitätsverzerrung der öffentlichen Stimmung“ angehen. Er sieht sich nicht als Optimisten, sondern als einen „Possibilisten“ mit wissenschaftlich fundiertem Vertrauen auf die menschlichen Möglichkeiten. Er hält es mit Aristoteles: „Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung.“

Ingo, das ist leicht hergesagt – die Hoffnung auf die Zukunft. Woher holt er sich denn die Zuversicht für ein besseres Morgen?

  • Nun, Jupp: Sorge dich nicht, forsche! Er schaut auf die Fortschritte in der Vergangenheit, analysiert die Möglichkeiten der Gegenwart und baut auf Vernunft gepaart mit der Wissenschaft. Aus der geschichtlichen Distanz betrachtet stellt er fest, dass die Indikatoren für den menschlichen Fortschritt kumulativ sind und nicht langfristigen Zyklen von Höhen und Tiefen ausgesetzt sind. Die Verbesserungen bauen zudem aufeinander auf: „Eine reichere Welt kann es sich eher leisten, die Umwelt zu schützen, ihre Verbrecherbanden in Schach zu halten, ihre sozialen Netze zu stärken, und ihre Bürger zu bilden und zu heilen. Eine besser ausgebildete Welt sorgt sich mehr um die Umwelt, duldet weniger Autokraten und bricht seltener Kriege vom Zaun.“

Fortschritt ist ja gut und schön, Ingo. Aber was ist mit dem moralischen Fortschritt? Ich habe den Eindruck, wir entwickeln uns immer mehr zum Neandertaler zurück. Diesmal haben wir aber statt einer Keule ein Smartphone in der Hand.

  • Du blickst zu kurz. Wir erwarten heute in den zivilisierten Gesellschaften keine Wiederkunft mehr von Menschenopfern, Sklavenhandel, Hexenverbrennungen auf Scheiterhaufen, öffentlichen Foltern und Hinrichtungen. Vielmehr erleben wir dramatische Fortschritte in der Wissenschaft, vor allem im medizinischen Bereich und in der Computertechnologie.

Also Ingo, bevor du jetzt wieder mit der Künstlichen Intelligenz anfängst und mir die Alexa madig machen willst, beende ich dieses Gespräch und gehe in mich. Lass uns wieder auf den Boden der Gegenwart zurückkehren und dazu ein gepflegtes Bier genießen.

  • Einverstanden Jupp. Aber glaube nicht, dass unser Gesprächsstoff bezüglich deines permanenten Pessimismus schon erschöpft ist.
    Herr Wirt, zwei Bier bitte. Wir müssen unseren Schwarzseher etwas aufheitern.

 

Der Jammer mit der Menschheit ist, dass die Klugen feige, die Tapferen dumm und die Fähigen ungeduldig sind. Das Ideal wäre der tapfere Kluge mit der nötigen Geduld.

(Truman Capote, 1924 – 1984, amerikanischer Schriftsteller)

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